Eine graue Industrietür mit Graffiti-Tags. Sie steht offen. Dahinter eine steile Treppe, die nach oben führt. In den Raum über dem Cuneo. Hier finden Veranstaltungen statt, oder die Squadra Azzurra wird zum Sieg gebrüllt.

Ich wittere Hamburger Geschichte schon auf der Treppe und stelle mir all‘ meine Idole vor, die hier nachts an sich von Pasta und Wein biegenden Tischen saßen, um am nächsten Morgen die Kulturszene der Stadt aufzumischen.

War früher alles besser? Vielleicht manchmal.

Hier haben sie alle gesessen. Und heute soll es wieder so werden. Klaus Pohl. Er liest. Fragmente aus seinem neuen Roman.

Man hört seine Stimme schon auf der Treppe. Ich bin zu früh. Ich sollte lesen lernen. Es gibt Wein und ich darf rauchen.

Das Cuneo. Das berühmte Cuneo. Ein mystischer Ort für Menschen, wie mich. Für Romantiker, die einem alten Restaurant zutrauen, über mehr Gedächtnis zu verfügen als die Stadt. Ein Wohnzimmer für Schauspieler, Künstler, Musiker und andere Menschen mit gebrochenen oder unregelmäßigen Lebensläufen.

Gegründet von Francesco Cuneo. Später geprägt von Franco und heute in den Händen der bezaubernden Franca, seiner Tochter. Die vierte Generation.

Kein Bild hängt auch nur annähernd gerade. Das passt zu Klaus Pohls Hut, der ebenfalls leichte Schlagseite hat. Pohl ist Schauspieler, Regisseur, Dramatiker und Schriftsteller. Einer der das Theater von der Bühne, aus den Hinterzimmern, den Probenräumen und den Abgründen seiner Figuren kennt.

Ich werde Sanda vorgestellt. Theaterregisseurin, Sängerin. Klaus ist ihr Ehemann. Wir werfen Sätze hin und her. Während sich Klaus ganz hinten auf der langen Bank mit ausgestreckten Beinen und verschmitztem Lächeln hingegossen hat, wandert Sanda mit einem Stuhl von Ort zu Ort. Sie möchte nicht stören, aber auch etwas sehen.
Bescheiden.

Langsam füllt es sich und ich bekomme Gänsehaut. Da kommen sie. Franco (ich darf Sie doch Franco nennen?) mit Karin. Und dann. Theaterleute, Schreiberlinge, Maler. Bezaubernde Menschen mit ins Gesicht graviertem Leben. Ich will jetzt sofort alle ihre Geschichten hören. Dazu Ärzte mit halber Leber, Verlagsgründerinnen und andere Cuneoabhängige.

Es wird pickepacke voll.

Auch ein Fräulein Meyer-de la Grange kommt und ich verwandle mich in Christian Buddenbrook. Möchte hinstürzen. Ihr Blumen schenken. Ich stürze aber nicht. Ich habe auch keine Blumen. Ich schleiche mich an und stelle mich vor.

Komisch. Sie heißt ganz anders.
Blumen. Das nächste Mal Blumen. Oder ein rotes Fahrrad.

Dann beginnt es. Fulminant.
Klaus liest himmlisch. Mitreißend. Es geht um Peter Luppa. Lupo. Es geht um Kleinwüchsigkeit und die Schwierigkeiten, die damit einhergehen. Darum, wie man es vom Zahntechniker zum Schauspieler bringt. Ohne Schauspielschule und in einem abgetragenen Anzug.

Hinreißend geschrieben und fantastisch vorgetragen.
Zugabe. Zugabe.

Und dann. Ja dann. Dann wird es genauso, wie es immer in meinen Träumen geschieht.

Überflüssige Stühle werden weggeräumt, Tische dazugestellt und mit Pasta und Wein beladen. Und wir sitzen zusammen.

Und wir hecken Dinge aus, mit denen wir am nächsten Morgen die Kulturszene der Stadt aufmischen werden. Vielleicht.