Bevor wir über Kunst reden, müssen wir alle etwas anerkennen, das sich nicht übergehen lässt:
Pedro Anacker, der Initiator, Kurator und auch Teilnehmer dieser Ausstellung kann heute Abend die Früchte seiner Arbeit, seines Engagements nicht ernten, da er sich um seine schwer erkrankte Mutter kümmern will.
Das ist kein tragischer Kommentar, kein dramaturgisches Detail.
Es ist einfach die Realität.
Sie steht im Raum, ob wir darüber sprechen oder nicht.
Und diese Realität wirft eine Frage auf, die jede Kulturveranstaltung trifft, wenn man sie im Kontext unseres Lebens anschaut:
Was bedeutet eine solche Ausstellung, wenn gleichzeitig überall auf der Welt Menschen mit Leid zu kämpfen haben?
Leid, dass nicht Ausnahme ist, sondern Alltag ist.
Es wäre leicht zu sagen:
„Dann wirkt Kunst klein.
Unwichtig.
Sinnlos.“
Aber das stimmt nur, wenn man Kunst mit Spektakel verwechselt.
Spektakel für eine Welt mit einer Aufmerksamkeitsspanne, die kaum über ein 15-sekündiges Video hinausreicht. Eine Welt des Marketings, des Konsums und des Lauten, des Sensationellen. Der indoktrinierten Schönheit und des allgegenwärtigen Jugendwahns.
Kunst ist weder klein, noch unwichtig, oder sinnlos.
In einer Welt, die immer mehr in sich zusammenfällt ist Kunst groß.
Weil sie bestehen bleibt. Auf der Leinwand, auf Papier, in Form gebracht oder in den Köpfen als Erinnerung nach einer Aufführung, einem Konzert.
Nicht als Ablenkung.
Sondern als Denkraum, der sowohl Kontrastmittel zur Realität, als auch deren Spiegel ist.
Ich bin heute, als Teil dieser großartigen Gruppe von Individualistinnen, deren Sprachrohr. Ein Künstler spricht über Künstler. Das ist selten.
Wir sind alle Einzelkämpfer.
Aber heute geht es nicht um uns – sondern um das, was hier zu sehen ist. Und das ist vermutlich die angenehmste aller Rollenverteilungen.
Der Titel dieser Ausstellung ist „Hamburger Hammer“.
Kein Konzepttitel, kein akademischer Zungenbrecher, keine Behauptung, die man sich erst von Suchmaschinen oder der KI erklären lassen muss.
Ein Hammer.
Ein Werkzeug, das nichts verschleiert.
Entweder es trifft – oder es trifft nicht.
Und das ist unserer Meinung nach ehrlicher als 80 Prozent dessen, was täglich als „künstlerisches Narrativ“ durch die Gegend geschoben wird.
Zehn künstlerische Positionen: Rennkamp, Oelker, Rausch, Glasmacher, Jankowski, 4000, Diamond, Pirx, meine Wenigkeit und nicht zuletzt Pedro Anacker, der uns dies hier ermöglicht hat.
Wir sind uns nicht ähnlich. Wir wollen uns nicht ähnlich machen. Und wir sehen keinen Grund, uns ästhetisch zusammenzuquetschen, nur damit auf einem Flyer die Illusion von Kohärenz entsteht.
Wir sind kein Kollektiv. Keine Stilfamilie. Kein kuratorisches Wunschensemble. Wir sind zehn verschiedene Antworten.
Und wir haben diese Ausstellung nicht gemacht, um ein Manifest zu liefern. Wir haben sie gemacht, weil sie nötig war.
Denn sie stellt eine Frage, die der Kunstbetrieb aus Selbstschutz lieber nicht hört:
Kann man einem Werk das Alter oder das Geschlecht der Person ansehen, die es geschaffen hat?
Die Kuratierung sagt Nein.
Und dieses Nein ist radikaler, als es klingt.
Weil es dem gesamten System widerspricht, in dem Kunst gemacht, verkauft, bewertet und verwertet wird.
Einem System, das zunehmend funktioniert wie eine Mischung aus Börsenticker, Astrologie und einem für alle andere Inhalte, als Kunst, programmiertem Empfehlungsalgorithmus.
Wie Kunst heute „zu Kunst“ wird?
Man erfindet eine möglichst dramatische Herkunftsgeschichte, garniert eine Vita mit den obligatorischen Städtenamen („lebt und arbeitet in…“), und spätestens wenn ein Museum einmal wohlwollend die Augenbrauen hebt, gilt ein Werk plötzlich als unantastbar. Galerien verwandeln Bilder in Wertpapiere, Preise werden zu Argumenten, Messen zu Relevanzgeneratoren, und kuratorische Texte sind die akademische Kosmetik, die alles übertüncht, was sich gut verkauft oder nicht gut verkaufen lässt.
Später kommen die künstlichen Verknappungen, die Tragödien, die Trendhypes, die Sichtbarkeitsschleifen, die Legenden. Und am Ende bleibt oft ein Werk, das nicht gesehen, sondern nur verwertet wurde.
Wir haben uns gefragt:
Und was passiert, wenn man all das ignoriert?
Wenn man die Biografien draußen lässt.
Die Erklärungen.
Die Rechtfertigungen.
Die Altersangaben.
Die strategischen Positionierungen.
Was passiert, wenn man einfach das Werk hinstellt – und ihm den Raum lässt, zu tragen oder zu fallen?
Ohne Krücke.
Ohne Zusatzbeleuchtung.
Ohne ein Textpanel, das Ihnen erklärt, was Sie fühlen sollen.
Ich sage Ihnen, was passiert:
Der Blick wird schärfer. Der Raum wird ehrlicher. Und das Werk hat plötzlich wieder die Chance, das zu tun, was Kunst tun muss: arbeiten.
Nicht blenden. Nicht manipulieren. Nicht beeindrucken. Arbeiten.
Die Werke hier sind nicht in der Logik der Saison entstanden.
Sie sind langsam.
Hartnäckig.
Sie tragen Wochen, Monate, Jahre in sich.
Und wenn ein Werk in einer Stunde entstand, dann war diese Stunde das Ergebnis von Jahrzehnten an Erfahrung.
Diese Ausstellung ist kein höfliches Angebot.
Sie fordert Sie heraus:
Schauen Sie. Schauen Sie genau hin.
Seien Sie bereit, ohne Anleitung zu fühlen. Sprechen Sie mit den Werken.
Und tuen Sie so, als wären wir alle schon tot.
Im Namen aller beteiligten Künstlerinnen und Künstler danke ich Pedro Anacker für eine Kuratierung, die den Mut hat, das Offensichtliche auszusprechen: Kunst braucht keinen Kontext. Sie braucht nur einen Blick, der nicht schon weiß, was er sehen will.
Willkommen zum HAMBURGER HAMMER in der Fabrik der Künste.

